Die pränatalpsychologischen und matriarchatsgeschichtlichen Dimensionen des Geldes

Über Geld spricht man nicht. Es ist ein großes Tabu, über die emotionalen Dimensionen und verborgenen Schattenseiten des Geldes in unserer Gesellschaft zu reden. Deshalb ist es notwendig. Geld scheint unsere Ersatzreligion zu sein; an Geld muss man glauben, denn Geld ist nichts als eine Vereinbarung, eine „Übereinkunft innerhalb einer Gesellschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden“.[1] Heute hat Geld keinen realen materiellen Gegenwert mehr, verflüchtigt sich zunehmend im virtuellen Raum und wird ständig aus dem Nichts erschaffen durch Kreditvergabe. Der bekannte Nationalökonom Hans Christoph Binswanger entlarvt unser allgegenwärtiges Geldsystem als magisch-alchemistischen Trickbetrug: Das alchemistische Ziel der Herstellung künstlichen Goldes aus minderwertigem Material hat die moderne Wirtschaft erreicht.[2] Trotzdem sind wir alle existenziell abhängig vom Geld; ohne Geld geht gar nichts in unserer Gesellschaft, wir leben alle mehr oder weniger in Angst vor Geldmangel.

Im Folgenden möchte ich der These nachgehen, dass Geld keine fixe Größe ist, sondern dass es die kollektiven Emotionen einer Gesellschaft sind, die ihr Geldsystem formen. Die Entwicklung des Geldes in der Kulturgeschichte soll nachvollzogen und die destruktiven Dynamiken unseres Geldsystems werden dargelegt. Auch Auswege werden am Ende des Artikels aufgezeigt. Wir sind den kollektiven Emotionen ja nicht wehrlos ausgeliefert, sondern wir haben die Freiheit, die an das  Geld gekoppelten Emotionen aufzulösen bzw. entkoppeln.

Der Finanzexperte Bernhard A. Lietaer hat dies bereits in seinem Buch „Mysterium Geld. Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus“[3] dargelegt. Seine Argumentation fußt auf der Jungschen Archetypenlehre und zeugt auch von weitläufigen historischem Wissen, das Matriarchatsforschung  als wesentlichen Bezugspunkt seiner innovativen Analyse einbezieht. Die zentrale These des Buchs lautet: In patriarchalen Gesellschaften unterliegt der Archetyp der „Großen Mutter“ – und damit die Themen Sex, Tod und Geld – einem Tabu.

Bezeichnenderweise sind dies die wesentlichen Bereiche menschli-chen  Lebens, die seit Jahrtausenden einer kollektiven Verdrängung und Leugnung unterliegen. Für unsere kollektive und persönliche Heilung sei die Reintegration dieser abgetrennten Energien in unser bewusstes Denken und Handeln notwendig[4]. Geld wird hier also interpretiert als ein Substitut des unterdrückten Archetyps der Großen Mutter, der großen Ernährerin, von der das Wohl des Menschen abhängt. Psychoanalytische Geldtheorien fokussieren dagegen traditionell meist auf den angeblich analen Charakter des Geldes, wie es von Freud postuliert wurde. Diese Theorien hat Ernest Borneman 1973 in seinem Buch „Psychoanalyse des Geldes“ [5] systematisch dargestellt und kritisch untersucht.

Hier soll eine pränatalpsychologisch inspirierte Theorie über die Ursprünge und den Charakter des Geldes entwickelt werden: Geld wird interpretiert als Substitut der vorgeburtlichen Plazenta-Erfahrung. Denn bei der Großen Mutter handelt es sich um den ältesten und frühesten Archetyp der vorpatriarchalen Göttin; um die vorgeburtliche Allversorgerin, von der unser Leben abhängt, die auch urgewaltige Todesangst bei Versagen auslöst.[6] Geld ist scheinbar das numinose Zauberding, das in der Lage ist, uns mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von Münzen von den ältesten archäologischen Funden bis in die Gegenwart das pränatalpsychologisch als Plazenta-Symbol gedeutete Motiv des Lebensbaums zeigt.[7]

Aber auch die Schlange, Ursymbol und Attribut der Großen Göttin, ist ein immer wieder anzutreffendes Münzmotiv, häufig auch als dämonisierter Drache oder in Kombination mit dem Adler, der die Schlange tötet.[8] Die Schlange wird pränatalpsychologisch als Symbol für die Nabelschnur gedeutet; als die Versorgungsleitung in unserer ersten, vorgeburtlichen Welt, von der unser Leben wortwörtlich abhing.

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